DGDSG

Interview mit MLTech über die Funktion von Hackathons und Coding in der juristischen Ausbildung

Ziel der DGDSG e.V. ist unter anderem die Förderung der Digitalisierung in der juristischen Ausbildung. Wir wollen daher digitale Vorreiter vorstellen, die sich der Vermittlung von Legal Tech Inhalten in der juristischen Ausbildung verschrieben haben. In einem Interview haben wir mit Nadine Fandrich, Vorsitzende von MLTech, über den „Legal <3 Tech Hackathon 2021“ und die Notwendigkeit der Vermittlung von Coding in der juristischen Ausbildung gesprochen.  

Wer ist MLTech 

MLTech ist die „Munich Legal Tech Student Association e.V.“ und wurde 2017 von sieben interessierten Studierenden der LMU gegründet. Die Initiative konnte seit ihrer Gründung nicht nur eine beeindruckende Reichweite aufbauen, sondern sich auch gut mit der Praxis vernetzen, insbesondere durch Partnerkanzleien wie Baker McKenzie und Clifford Chance und anderen Partnern wie TUM.AI. 

Nach eigener Aussage war die Motivation zur Gründung der Umstand, dass an der Universität die moderne Technik und die damit verbundenen Veränderungen bislang eine vergleichsweise geringe Rolle spielen. Aus diesem Grund hat MLTech das Ziel, Juristinnen und Juristen, Informatikerinnen und Informatikern, sowie interessierte Studierende aus anderen Fächern zusammenzubringen und einen interdisziplinären Austausch zu ermöglichen. MLTech will dabei den Studierenden ein umfangreiches Verständnis für die Technologien und ihren Einsatz vermitteln, ihnen die Potenziale für die Zukunft aufzeigen und ihnen eine Grundlage für eigene innovative Ideen bieten. Der Verein will dabei vor allem eine Plattform für Interessierte sein. Ziel ist es dabei eine Gemeinschaft zu schaffen, die sich mit der Digitalisierung beschäftigt und dabei zukunftsorientiert denkt und arbeitet. 

DGDSG: Sehr geehrte Frau Fandrich, erst vor kurzem hat MLTech einen großen und viel beachteten Hackathon unter anderem in Kooperation mit der LMU und der TU München durchgeführt. Wie läuft so ein Hackathon ab und welche Kompetenzen sollen Ihrer Meinung nach dadurch vermittelt werden? 

Fandrich: An unserem Hackathon haben insgesamt sechs interdisziplinäre Teams teilgenommen. Die Teams sollten innerhalb von 48 Stunden eine technologische Lösung für eine juristische Problemstellung erarbeiten. Sie wurden dabei von Mentoren aus unterschiedlichen Berufszweigen begleitet. Dabei hatten die Teams die Wahl zwischen einer vorgegebenen Challenge oder einer eigens erkannten Problemkonstellation. Beispielsweise hat ein Team ein Tool entwickelt, mit dessen Hilfe sich innerhalb kürzester Zeit die Zuständigkeit des Gerichts in juristischen Verfahren bestimmen lässt. Nach den 48 Stunden stellten die Teams in fünfminütigen Pitches ihre Lösungen vor. Anschließend hat die Jury nach Kriterien wie „beste Innovation“ oder „beste praktische Umsetzbarkeit“ die Sieger ermittelt. Dabei kam es nicht unbedingt darauf an, die Lösung gleich zu programmieren. Wir wollten den Hackathon bewusst einsteigerfreundlich gestalten. Daher war auch die Präsentation eines theoretischen Lösungswegs völlig ausreichend. Es ging darum, dass die Studierenden nicht nur theoretische Informationen über Legal Tech erhalten, sondern sich mit realen Problemstellungen auseinandersetzen. Der Hackathon hat dabei das übergeordnete Ziel, die Studierenden an das Thema Legal Tech und Coding heranzuführen und durch praktische Anwendung die Begeisterung für die Materie zu wecken. Wenn man den Hackathon auf die konkreten vermittelten Kompetenzen runterbrechen müsste, würde ich sagen, dass wir das vernetzte Denken zwischen den einzelnen beteiligten Fachbereichen, unter anderem InformatikerInnen, BetriebswirtschaftlerInnen und JuristInnen fördern wollen. Aber auch die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Konzepten und Vorstellungen davon, was Technik praktisch leisten kann. Gleichzeitig wird aber auch das schöpferische kreative Potenzial von Businessideen gefördert. 

DGDSG: Ohne Zweifel ist Coding in der heutigen Zeit eine nützliche Fähigkeit. Sollte es Ihrer Meinung nach zum Grundhandwerkszeug eines zukunftsorientierten Juristen gehören, zumindest im Ansatz coden zu können? 

Fandrich: Ich persönlich schätze das Thema so ein, dass ein Grundverständnis von Coding und technischen Lösungen wie beispielsweise der Blockchain in Zukunft essenziell sein wird. Das hat für mich insbesondere drei Gründe: Erstens muss der Anwalt / die Anwältin immer den Mandanten / die Mandatin verstehen. Mandanten werden in Zukunft zunehmend Problemstellungen im Zusammenhang mit Fragen der Digitalisierung haben, beispielsweise bei Themen wie dem autonomen Fahren oder künstlicher Intelligenz. Hier muss der Anwalt die Sprache des Mandanten / der Mandantin sprechen, um seine Fragen rechtssicher beantworten zu können. Zweitens müssten JuristInnen in der Lage sein, digitale Anwendungen bedienen zu können. Viele Arbeitsschritte sind und werden in Zukunft zunehmend durch Anwendungen übernommen. Aber auch diese Anwendungen müssen durch JuristInnen bedient werden zum Beispiel im Bereich Document review oder Vertragserstellung. Hier muss ein Umgang mit Technik erlernt werden. Drittens wird es zunehmend mehr Berufsfelder geben, in welchen JuristInnen an der Entwicklung solcher technischen Lösungen mitarbeiten. EntwicklerInnen und JuristInnen müssen dabei dieselbe Sprache sprechen. Der Jurist / die Juristin muss zumindest einen Überblick darüber haben, wie der Informatiker/ die Informatikerin arbeitet und welche Lösungen möglich sind. Es muss aus unserer Sicht die Möglichkeit geben, dieses Verständnis auch schon als Studierender zu erlernen.  

DGDSG: Sollte Coding also Teil der juristischen Pflichtausbildung werden? 

Fandrich: Es muss auf jeden Fall die Möglichkeit dazu geben. Ob man Coding als verpflichtenden Teil der juristischen Ausbildung integriert, darüber lässt sich sicherlich lange streiten. Ein freiwilliges Angebot sollte aber an jeder Uni vorhanden sein. Vorstellen kann man sich dabei beispielsweise ein Grundlagenseminar zu technischen Themen oder tatsächlich ganze Kurse nach dem Konzept der fachspezifischen Fremdsprachenausbildung. Auch ein Schwerpunkt zum Beispiel zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die verschiedenen Rechtsbereiche wäre interessant. Die Möglichkeiten der Implementierung sind vielfältig. An der LMU werden solche Kurse vom Rechtsinformatikzentrum bereits angeboten. Allerdings würde eine Anrechnung auf den Freischuss die Attraktivität solcher zusätzlichen Angebote massiv erhöhen.  

DGDSG: Viele Initiativen setzen ihre Hoffnungen auf fachübergreifende Synergieeffekte zwischen Informatikern und Juristen. Dabei sollen die Juristen zwar Verständnis für die technische Materie entwickeln, das Coden selbst ist jedoch klar optional. Etwas provokant gefragt: Sollte das Coden nicht den Informatikern überlassen werden? 

Fandrich: Natürlich ist das „professionelle“ Coding eine Fähigkeit, die ein Jurist / eine Juristin nicht mal eben neben der eigentlichen Ausbildung erlernen kann. Nicht umsonst bedarf es zum Coden auf einem professionellen Level einer langen und komplexen Ausbildung. Wir bei MLTech haben zwar auch JuristInnen, die sehr gut coden können und es wird in Zukunft sicherlich Berufsfelder geben, die genau diese Fähigkeiten erfordern, aber der überwiegende Teil der JuristInnen braucht dieses Wissen nicht. Folgt man dem Modell der zukünftigen Berufsfelder nach Richard Susskind, wird es in Zukunft verschiedene Stufen geben, in denen unterschiedliche Kenntnisse über Coding relevant sein werden.  

DGDSG: Ganz persönlich nach Ihren Erfahrungen gefragt: Führt eine vertiefte Kenntnis über Legal Tech zu Vorteilen auf dem juristischen Arbeitsmarkt?  

Fandrich: Ich persönlich habe dahingehend sehr positive Erfahrungen gemacht. Man merkt, dass beispielsweise Kanzleien es wertschätzen, wenn man sich über das juristische Studium hinaus Fähigkeiten aneignet, besonders wenn diese so zukunftsorientiert sind wie Legal Tech. Aber ich kann mir auch in anderen juristischen Berufen gut vorstellen, dass eine Beschäftigung und gewisse Grundkenntnisse zum Thema Legal Tech immer den Eindruck vermitteln, dass man engagiert ist und zukunftsorientiert denkt.  

DGDSG: Wie sehen Sie das aktuelle Angebot an Legal Tech Inhalten an deutschen Universitäten allgemein? 

Fandrich: Die Inhalte zum Thema Legal Tech, die im Moment von den Universitäten angeboten werden, stecken häufig entweder noch in den Kinderschuhen oder sind nicht existent. Im Moment ist es an vielen Orten noch so, dass die Initiativen diese Lücke in der juristischen Ausbildung füllen. Natürlich machen diese Initiativen einen großartigen Job, aber es ist die Kernaufgabe der Universitäten, juristische Kenntnisse zu vermitteln und zukunftsorientierte Inhalte in die Ausbildung zu implementieren. Viele Universitäten sind die richtigen Schritte bereits gegangen. Zu nennen wären hier die LMU oder auch die Bucerius Law School, die auf diesem Gebiet sehr fortschrittlich sind. Aber für Studierende ist natürlich auch die Anerkennung als universitäre Leistung wichtig. Hier besteht aus meiner Sicht noch großer Nachholbedarf bei den Universitäten.  

DGDSG: Frau Fandrich, vielen Dank für das Interview.  

Nadine Fandrich

Nadine Fandrich

Nadine Fandrich ist seit Oktober 2020 Vorsitzende von MLTech und war zuvor bereits zwei Jahre als Head of Job Placement im Verein tätig. Aktuell studiert Sie Rechtswissenschaften an der LMU München

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