DGDSG

Betriebswirtschaftliche Aspekte des Legal Tech Marktes als Teil der juristischen Ausbildung?- Interview mit recode.law

Ziel der DGDSG ist unter anderem die Förderung von Themen der Digitalisierung in der juristischen Ausbildung. An dieser Stelle wollen wir daher digitale Vorreiter vorstellen, die sich der Vermittlung des Themas Legal Tech in der juristischen Ausbildung verschrieben haben. In einem Interview haben wir mit Julia Sophie Dieball, Mitbegründerin und Vorstandsmitglied bei recode.law, über die Bedeutung von Legal Tech im Studium gesprochen und gefragt, welche Kenntnisse und möglichen Entwicklungen des Legal Tech Marktes den Nachwuchsjuristen bereits jetzt vermittelt werden sollten.

Wer ist recode.law

 recode.law ist eine studentisch geprägte gemeinnützige Organisation und wurde im Juni 2018 in Münster gegründet. Inzwischen ist recode.law mit über 70 interdisziplinären Mitgliedern, bestehend aus Studierenden und Young Professionals, an den Standorten Münster, Rheinland (Düsseldorf und Köln), Hamburg und Berlin-Brandenburg vertreten. recode.law versteht sich als eine “Student-Driven University”. Als solche ist es ihr Hauptziel, für Innovation und Digitalisierung im juristischen Bereich zu begeistern, Wissen und Kompetenzen in diesem Feld zu vermitteln und selbst in der fachlichen Auseinandersetzung mit der Zukunft des Rechts neues Wissen zu schaffen. Nicht zuletzt will der Verein diese Zukunft mitgestalten. Konkret setzen sich die Mitglieder dazu semesterweise mit den Teildisziplinen von Legal Innovation an sog. Instituten auseinander. Dabei entstehen Ideen für zahlreiche Events wie z.B. Vorträge, Podiumsdiskussionen, Workshops oder digitale Webinare. Überdies betreibt recode.law das recode.law Magazin. In diesem erscheinen u.a. Fachartikel, Info-Videos und der Legal Tech Pioneers Podcast. recode.law ist keine studentische Initiative im klassischen Sinne, sondern ein Non-Profit-Startup. Der Verein hat laut eigenen Angaben einen hohen und überregionalen Anspruch, denkt unternehmerisch und fordert überdurchschnittliches Engagement. Ziel der Vereinigung ist es die Zukunft der Rechtsbranche maßgeblich mitzugestalten.

DGDSG: Sehr geehrte Frau Dieball, recode.law setzt sich jetzt schon seit mehreren Jahren intensiv mit dem Thema Legal Tech in der juristischen Ausbildung auseinander. Grade in NRW hat der Verein einen viel beachteten Einfluss auf die Vorschläge der Regierungsfraktionen zum Thema Legal Tech in der juristischen Ausbildung. Was sind Ihre Kernforderungen und welche Rolle spielen betriebswirtschaftlich Erwägungen des Rechtsmarktes in den Überlegungen und Forderungen zum Themenbereich Legal Tech in der juristischen Ausbildung? Welche konkreten Inhalte sollen vermittelt werden? 

Dieball: Die Ursprungsidee von recode.law war zunächst einmal als Plattform für interessierte Juristinnen und Juristen das Bildungsangebot der Universitäten zu ergänzen, da an vielen Universitäten zwar bereits bspw. medienrechtliche Schwerpunkte angeboten wurden, diese aber nicht das abgedeckt haben, was wir uns in der Zukunft als notwendige Kernkompetenzen wünschen würden, wie z.B. New-Work methods, technisches Grundverständnis für Anwendungen (oder Beispiele für low bzw. no-code Anwendungen im juristischen Bereich) sowie die bloßen Möglichkeiten von design-thinking darzustellen. Damit wollten wir den Universitäten aufzeigen, dass es ein breites Interesse an diesen Themen unter den Studierenden gibt und dass durch die Vermittlung eben dieser Kompetenzen die Chancen der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt erheblich gesteigert werden. Dabei spielt natürlich auch die Vermittlung von betriebswirtschaftlichen Erwägungen des Legal Tech Marktes, also Fragen wie Marktanalysen oder Legal Entrepreneurship, eine wichtige Rolle. Es kommt uns nicht darauf an, dass die Studenten alle das Coden lernen müssen. Vielmehr setzen wir darauf, die Technologie in ihren Zügen und Grenzen zu verstehen und die juristischen Anforderungen an ein Tool präzise formulieren zu können.  Wir wollen vermitteln wie Synergieeffekte zwischen Juristen und ITlern genutzt werden können und welche Rolle der Jurist in diesem Kontext hat. Diese Kompetenzen sollten bereits im Studium vermittelt werden.

DGDSG: Sind diese Kompetenzen, insbesondere die sich mit den Entwicklungen des Rechtsmarktes befassen, denn im juristischen Pflichtstoff anzusiedeln oder handelt es sich dabei nicht vielmehr um spezialisiertes Wissen, welches in Form von Schwerpunkten und Kernkompetenzen vermittelt werden sollte?

Dieball: Natürlich bewegt man sich innerhalb eines solchen Vereins wie recode.law in einer gewissen Blase und erachtet das Thema als für die juristische Ausbildung essenziell. Wenn man das Studium aber objektiv betrachtet, ist der Pflichtstoff bereits jetzt mit Inhalten überladen. Da können wir den Studierenden nicht noch weiteren Pflichtstoff in Form von Legal Tech Kenntnissen abverlangen. Ein Weg wäre auf jeden Fall die attraktive Vermittlung der Wahrnehmung von freiwilligen Angeboten im Bereich Legal Tech, sei es zum einen durch die Vermittlung der Berufsrelevanz eines potenziellen Schwerpunktbereichs oder auch die Gewährung von Freisemestern für Studierende, die sich in einem Verein wie recode.law engagieren.

DGDSG: Könnten Sie sich vorstellen, dass es in Zukunft standartmäßig einen LL.B oder LL.M Studiengang gibt, welcher sich exklusiv mit dem betriebswirtschaftlichen Thema Legal Tech Rechtsmarkt auseinandersetzt und gleichzeitig die entsprechend notwendigen Kompetenzen vermittelt?

Dieball: Das wäre auf jeden Fall eine spannende Entwicklung. Natürlich lernt der Jurist einen komplett anderen „Handwerkskoffer“ in seiner Ausbildung was die Fähigkeiten und Qualifikationen angeht. Das Aufsetzen eines LL.M auf das einfache Jurastudium erscheint mir aufgrund der fehlenden Kenntnisse im Bereich Daten- und Marktanalyse etwas schwierig. Dieses Defizit müsste vorher angegangen werden. Andererseits eröffnet so ein hybrides Zusatzstudium neue Möglichkeiten des wissenschaftlichen Zusammenwirkens zwischen den Fachbereichen. Überschneidungen sind in jedem Fall vorhanden.

DGDSG: In wieweit würden Juristen von Ihren Vorschlägen profitieren, die einen Beruf als Richter oder Verwaltungsjurist anstreben?  

Dieball: Viele Mechanismen in der Verwaltung können, ähnlich wie in der Großkanzlei, zum Teil repetitiv sein. Gerade Verwaltungsjuristen könnten von Entwicklungen im Bereich Legal Tech profitieren und sich dadurch auf die spannenden Anomalien der rechtlichen Bewertung konzentrieren. Hierfür bedarf es natürlich der entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten im Umgang mit Legal Tech. In den USA sieht man im Bundesstaat Nevada bereits ein interessantes Beispiel, wie die Verwaltung auf e-Government Plattformen umstellen könnte. Bei Richtern liegt die Sache etwas anders, da bspw. viele gerichtlichen Haftungsentscheidungen mit Technikbezug am Ende über Gutachten entschieden werden. Trotzdem denke ich, dass natürlich auch bei Richtern ein gewisses Verständnis für die Technik hinter Legal Tech von Vorteil wäre. Jura ist keine Inselwissenschaft. Die Verknüpfung mit anderen Bereichen des Wirtschaftslebens kommt grade vor Gericht sehr häufig vor. Von daher würden auch Richter von gewissen Grundkenntnissen im Bereich Legal Tech profitieren.

DGDSG: Viele Großkanzleien bieten zunehmend ihre Dienste auch im Wege sogenannter Legal Project Manager an, welche für die einfachen und repetitiven Aufgaben wie automatisierte Dokumentensichtung und Datenextraktion genutzt werden. Wird sich dieses Modell eines „Legal Tech Juristen“ durchsetzen und wäre diese Entwicklung aus Ihrer Sicht begrüßenswert?

Dieball: Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dieses Modell durchsetzen wird. Nicht wegen den Synergieeffekten, welche sich aus Arbeitsteilung ergeben, sondern auch ganz praktisch aus Kostengründen. Die Mandatierung großer Kanzleien ist natürlich für viele Firmen ein enormer Kostenfaktor. Da stellt sich schon die Frage, ob der Einsatz von Legal Tech Juristen nicht aus Kostensicht, sowohl für die Kanzlei als auch für den Mandaten, lohnenswert wäre. Oberste Prämisse ist natürlich aber immer die qualitative und vor allem rechtssichere Betreuung von Mandaten. Wenn dies aber gewährt werden kann, ist der Legal Tech Jurist ein zukunftssicheres Modell. Zudem würde so ein Berufsfeld auch die Personen locken, die sich auf die Verbindung von Jura und Technik spezialisiert haben.

DGDSG: Vielen Dank für das Gespräch Frau Dieball

Julia Sophie Dieball

Julia Sophie Dieball

Julia Dieball ist Gründungs- und Vorstandsmitglied bei recode.law. Zudem bekleidet sie die Position als Head of People and Culture im Verein und war zwischen 2018 und 2019 bereits als Head of Events tätig.

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